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Geschichte des Thomas-Mann-Archivs

Im Juni 1955 beging man mit aufwendigen Feierlichkeiten in Zürich und einem Besuch des Bundespräsidenten in Kilchberg Thomas Manns 80. Geburtstag. Auf Anregung des Familienfreundes Richard Schweizer und Antrag des damaligen ETH-Rektors Karl Schmid wurde dem Schriftsteller der Ehrendoktortitel der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) verliehen.

Verleihung der Ehrendoktorwürde
 

Die besondere Auszeichnung, die gerade in dieser naturwissenschaftlichen Doktorwürde lag, blieb nicht ohne Eindruck auf Thomas Mann und die Familie. „Es war eine so kühne, freie, originelle Idee, mir diesen Titel eines Doktors der Naturwissenschaften zu verleihen, ich höre nicht auf, mich daran zu ergötzen!”, schrieb Mann in seinem Dankesbrief an Karl Schmid.

Als Thomas Mann kaum zwei Monate später, am 12. August 1955, starb, entschloss sich die Erbengemeinschaft, seinen literarischen Nachlass, persönliche Gedenkstücke und die Ausstattung seines letzten Arbeitszimmers der ETH zu übergeben. Doch erst nach Überwindung juristischer Hindernisse - und nur dank des diplomatischen Engagements Karl Schmids - nahm der Bundesrat im August 1956 schliesslich die Schenkung an. Das Thomas-Mann-Archiv (TMA) war geboren.

Es stellte sich sogleich die Unterbringungsfrage. Einstweilen wurde das Archiv innerhalb der ETH-Bibliothek errichtet. Ein Raum der Grösse von Thomas Manns Kilchberger Arbeitszimmer wurde abgetrennt und mit der Rekonstruktion desselben begonnen. Dass die Unterkunft eine provisorische war, stand von Beginn weg fest: Zu klein war der verfügbare Platz, zu wenig repräsentativ der Standort.
Im Frühjahr 1960 zeichnete sich die Möglichkeit einer definitiven Niederlassung im direkt neben der Universität gelegenen Bodmer-Haus ab. Es stand im Besitz des Kantons Zürich, und die ETH schloss mit ihm einen unbefristeten Mietvertrag für das zweite Stockwerk ab. Bis Ende 1960 wurde das Archiv am neuen Ort eingerichtet; die feierliche Eröffnung erfolgte schliesslich am 25. Februar 1961. Erst an der Schönberggasse 15 hat das TMA seine eigentliche Heimat gefunden.

Das TMA unter Paul Scherrer (1956-1961)

Paul Scherrer, seit 1947 Direktor der ETH-Bibliothek, wuchs in die Funktion des Archivleiters hinein und wurde am 18. November 1958 vom Schweizerischen Schulrat (Aufsichtsgremium der ETH) formell gewählt. Unter seiner Leitung suchte das TMA sein Profil und seine Ausrichtung. Scherrer setzte sich in verschiedenen Punkten in Gegensatz zur Aufsichtskommission des TMA und insbesondere dessen Präsidenten Karl Schmid. Er verstand das TMA als Abteilung der ETH-Bibliothek und sträubte sich immer stärker gegen eine Zusammenarbeit mit den Herausgebern einer Neuausgabe der Werke Thomas Manns durch die Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin (Ost). Er befürchtete eine Vereinnahmung Thomas Manns für politische Zwecke und hielt eine textkritische Ausgabe zu diesem Zeitpunkt ohnehin für verfrüht. Die Spannungen führten schliesslich zu Scherrers Rücktritt auf den 1. Mai 1961. Seine Verdienste für den ersten, energischen Ausbau des Archivs bleiben jedoch unbestritten.

Das TMA unter Hans Wysling (1962-1993)

Mit dem neuen Statut vom 1. April 1962 wurde das Thomas-Mann-Archiv aus der ETH-Bibliothek herausgelöst und zu einem selbständigen Institut der ETH. Danach bewilligte die ETH fortan dem Archiv alljährlich einen Sachkredit für den Ausbau seiner Sammlungen, die Ausstattung seiner Räume, die Veranstaltung von Ausstellungen und für verschiedene Betriebskosten. Mit Hans Wysling, der sein Amt am 16. April 1962 antrat, begann auch wissenschaftlich eine neue Ära, nämlich, wie er es 1986 selbst genannt hat, die "positivistische Explorationsphase der sechziger Jahre": eine Beschäftigung mit Thomas Manns Werk aufgrund von eingehender Quellenforschung. So wurde neben vielen anderen Publikationen 1967 die Reihe der Thomas-Mann-Studien begründet sowie die Edition der Notizbücher (herausgegeben von Hans Wysling und Yvonne Schmidlin, 1991/92), der Tagebücher Thomas Manns und zahlreicher Briefwechsel an die Hand genommen.

Nominell die Stelle eines Konservators besetzend, wurde Wysling zum entscheidenden Glücksfall für das noch junge Archiv. Sein wissenschaftliches Engagement und seine archivalische Weitsicht sollten das TMA für die nächsten 30 Jahre entscheidend prägen. Hans Wysling und seine Mitarbeiter orientierten sich dabei am Credo, das Paul Scherrer schon 1961 formuliert hatte: „Nichts liegt uns ferner, als eine Kultstätte aufzubauen, worin Wahrheit unterdrückt und ein Götzenbild errichtet würde. Jede einseitige Stilisierung des Thomas-Mann-Bildes bleibt uns fremd.” Das Archiv wurde so schon bald zur bedeutendsten Thomas-Mann-Gedächtnisstätte und zum unverzichtbaren Arbeitsinstrument für Literaturwissenschaftler aus aller Welt. Im Jubiläumsjahr von Manns hundertstem Geburtstag, 1975, richtete das Archiv eine Ausstellung im Helmhaus sowie Veranstaltungen in der Wasserkirche und in Kilchberg aus, die zu grossen Erfolgen wurden.

Die Kontinuität des Archivs wurde sprichwörtlich. Erst 1994 ergab sich der nächste Wechsel an der Spitze. Thomas Sprecher wurde Nachfolger von Hans Wysyling als Leiter des Archivs - und steht ihm seither vor. Ein besonderes Datum war 2006 erreicht: Das Thomas Mann-Archiv wurde fünfzig Jahre alt - Anlass für Rückblick, Standortbestimmung und Zwischenbilanz. Ein Jubiläumskongress, „Thomas Mann in der Weltliteratur”, lud für einmal keine Thomas-Mann-Experten, sondern Schriftsteller und Gelehrte in die Limmatstadt.

Seine Lebensarbeit, schrieb Thomas Mann 1955, sei „im Geiste einer Genauigkeit hergestellt”, die sie „gegen jede kleine Verderbnis empfindlich” mache. Diesem Geist fühlt sich das TMA seit über 50 Jahren verpflichtet.

Eine ausführliche Darstellung der Archivgeschichte findet sich in Band 35 der Thomas-Mann-Studien: "Im Geiste der Genauigkeit. 50 Jahre Thomas-Mann-Archiv" (erschienen 2006). www.klostermann.de