museum

Gedenkzimmer

„Familiar surroundings mean much to a writer”, schrieb Thomas Mann 1941. Er verstand darunter „his accustomed books and walls, the view from the window of his study”; als erstes aber nannte er „his own desk”.
Lange ist angenommen worden, er habe den grossen, frei im Raum stehenden, neubarocken Mahagoni-Schreibtisch 1905 von seinem Schwiegervater Alfred Pringsheim erhalten. Dies ist aber nicht der Fall. Denn auf den Fotos bis ungefähr 1928 ist ein anderer Schreibtisch abgebildet.
Erst auf Fotos ab 1930 ist der erhaltene Schreibtisch zu erkennen. Offenbar hat ihn Thomas Mann gegen Ende der 1920er Jahre erworben. Vielleicht hat er sich ihn nach dem Erfolg des Zauberberg bei Bernheimer herstellen lassen. Elisabeth Mann, damals etwa zehn Jahre alt: „[...] der Schreibtisch, der war schon in München. Ich kann mich noch erinnern, wie er gekauft wurde. Und das war dann eben ein grosses Ereignis.”

Thomas Manns Schreibtisch, aufgenommen im TMA
 

Indem der Schreibtisch alle Stationen des Exils mitmachte, wurde er Thomas Mann zu einem Symbol für das Werk, das er den widrigen Zeitumständen abtrotzte. Am 19. Oktober 1938 schrieb er an Erich von Kahler, „wie, man möchte denken: durch Zauber, mein Schreibtisch in meiner hiesigen library Stück für Stück genau so dasteht”, so sei er „entschlossen, mein Leben und Treiben mit größter Beharrlichkeit genau fortzusetzen wie eh und je, unalteriert von Ereignissen, die mich schädigen, aber nicht beirren und demütigen können.”

Ebenfalls in diesem Raum findet sich Thomas Manns Nachlassbibliothek. Durch viele wertvolle Widmungsexemplare, vor allem aber durch die Anstreichungen und Randnotizen Thomas Manns ist sie von erheblichem wissenschaftlichen Interesse und gibt zahlreiche Aufschlüsse über die Entstehung seiner Werke. Bei Thomas Manns Bibliothek handelt sich um eine universelle Welt, und die Bezüge, die alle diese Bücher untereinander und zum Werk des Dichters aufweisen, sind von unausschöpfbarem Reichtum. Das macht ganz wesentlich die Ausstrahlung des Gedenkzimmers aus.

Auf der hinteren Plattenrandmitte des Schreibtisches hatte Thomas Mann die bronzene Büste eines siamesischen Buddhas, befestigt auf einem Marmorsockel, aufgestellt. Die rund 30 cm hohe Büste ist die Kopie eines aus Thailand stammenden, etwa im 14. Jahrhundert hergestellten Buddha-Kopfes. Auf dem meditativen Haupt trägt sie eine Flamme - ein typisches Attribut Buddhas, dessen Name „der Erleuchtete, der Erwachte” bedeutet. Thomas Mann hat sie vermutlich erst nach 1915, sicher aber vor 1933 erworben. Er hat sie bei allen Umzügen genannt und war von ihr wohl deshalb fasziniert, weil sie für ihn den Inbegriff des schönen Jünglings darstellte. Er bezeichnete sie stets als den „schönen Siam-Krieger” und den „siamesischen Krieger mit der schönen Schulterlinie”. Ausserdem sollte sie ihn wohl an die - durch Schopenhauer vermittelte - Lehre Buddhas von einem asketischen, heroischen, soldatischen Leben erinnern.

Buddha-Büste zwischen Empire-Leuchtern
 

Auf der hinteren Tischecke links stehen zwei Fotografien: Das grössere Bild, in einem Holzrahmen mit Goldeinfassung, zeigt Katia Mann als junge Frau. Es wurde in München um 1920, zur Zeit des Erscheinens der Betrachtungen, aufgenommen. Auf dem kleineren Foto sind Thomas Manns Enkel Frido (links, geb. 1940) und dessen Bruder Toni (geb. 1942) zu sehen, die Söhne von Michael Mann. Es ist wohl im Sommer 1946, als Thomas Mann an den letzten Kapiteln des Doktor Faustus arbeitete, im Garten von Pacific Palisades entstanden.
Weiter steht auf dem Schreibtisch eine kleine Sammlung von ägyptischen Statuetten: zwei Holzfigurinen, eine grössere und eine kleinere, mit Lendenschurz und Perücke, sogenannte ägyptische Diener- und Grabfiguren. Die grosse Dienerfigur - vermutlich nicht echt - ist unter den verschiedenen Statuetten die wichtigste: Sie wird im Tagebuch mehrmals genannt und war das Vorbild für die Figur des Joseph. Daneben ein grün und schwarz glasierter Tonkopf des ägyptischen Widdergottes Chnum, eine Art Amulett (Aufhängeloch auf der Rückseite), auf einem Holzsockel montiert sowie eine Gips-Figur des ägyptischen Königs Amenophis IV. (1375 -1350 v. Chr.), eine Stele haltend.

Ausschnitt aus Thomas Manns Schreibtisch
 

Die kleine silberne Plakette zeigt das Profil des alten Tolstoi. Thomas Mann hat sie, nach der handschriftlichen Widmung auf ihrer Rückseite, zu Weihnachten 1920 von seinem Münchner Freund Ernst Bertram geschenkt bekommen. Tolstoi war für ihn Vorbild von früh an. Zeitlebens hat er seine Werke gelesen. So war ihm zu Beginn des Exils Krieg und Frieden „Trost und Stütze”. In Goethe und Tolstoi hat er sich auch essayistisch mit ihm befasst.

Plakette von Lew Tolstoi
 

Zur östlichen Welt gehört sodann eine alte russische Zigarettenschachtel aus schwarzem Lack. Auf ihrem Deckel ist eine von drei Pferden gezogene Troika gemalt.

Russische Zigarettendose
 

Die Schieferplatte mit der versteinerten, prähistorischen Seelilie (bereits auf einer Foto von 1930) könnte eine Anregung für die Charakterisierung Felix Krulls im Kuckucksgespräch gewesen sein: Professor Kuckuck vergleicht Krulls Entwicklung mit einer Seelilie.

Versteinerte Seelilie
 
 

Eines der ersten Bilder, das Thomas Mann besessen hat, ist das auf eine ovale Kunsttafel gemalte, nachgedunkelte Porträt des florentinischen Priesters Savonarola. Das von Fra Bartolommeo gestaltete Original befindet sich im Museo di San Marco in Florenz. Thomas Mann hat es wohl schon vor 1905 erworben und dann als Bildvorlage für sein Drama Fiorenza benützt.

Porträt Savonarolas
 

Das wichtigste und wertvollste Bild ist ein Ölgemälde des Malers und Grafikers Ludwig von Hofmann (1861-1945), Die Quelle. Es wurde um 1913 gemalt und zeigt drei im Urteil Thomas Manns „koloristisch meisterhaft ausgeführte Jünglingsakte”. Hofmanns Bildwelt geistert durch Hans Castorps Schneetraum, vor allem in der Vision der südlichen Landschaft, welche „Sonnen- und Meereskinder” bevölkern. Schon Gerhart Hauptmann, ein anderer Hofmann-Liebhaber, notierte hierzu am Rand seines Zauberberg-Exemplars: „Das ist ja L. v. H. ganzes Werk.” Hofmanns Bilder umkreisen jene Menschlichkeit, die nicht nur Castorp, sondern vor allem seinem Autor als Traum vorschwebte.

Ludwig von Hofmann: Die Quelle (ca. 1913)
 

Eine ausführliche Darstellung des Museums findet sich in Band 35 der 'Thomas-Mann-Studien': 'Im Geiste der Genauigkeit. 50 Jahre Thomas-Mann-Archiv' (2006), erschienen bei Klostermann.