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1933: In die Emigration

Thomas Mann arbeitete den ganzen Januar 1933 an der Rede Leiden und Grösse Richard Wagners. Er tat es unter Zeitdruck, erschöpft „durch Grippe und Überarbeitung”. Der Essay schwoll auf siebzig Seiten an. Am 30. Januar 1933, dem Tag der Machtübernahme durch Hitler, war der Vortrag fertig. Thomas Mann hielt ihn in München, Amsterdam, Brüssel und Paris. Bereits der Brüsseler Vortrag wurde am 17. Februar vom Völkischen Beobachter bissig kommentiert: „Herr Thomas Mann, seines Zeichens Schriftsteller und Sozialdemokrat, wird in Brüssel von der belgischen Presse begeistert als ,grosser Europäer’ begrüsst.” In Paris traf überraschend Heinrich ein. Er war nach turbulenter Sitzung aus der Preussischen Akademie der Künste ausgestossen worden und unverzüglich über Strassburg nach Paris geflohen. Thomas Mann begab sich mit Katia, wie es vorgesehen war, nach Arosa zur Erholung. Er sollte nicht mehr nach München zurückkehren. Die Emigration hatte für ihn begonnen, ohne dass er ausgewandert war.

Haus in Küsnacht
 

Vorerst hiess es, die undurchsichtige politische Lage abzuwarten, „eine vorläufige private Basis und Lebensstätte zu schaffen”. Aber wo? In Frage kamen vor allem Basel und Zürich, im September liess sich die Familie Mann, nach einem Zwischenaufenthalt in Südfrankreich, in Küsnacht bei Zürich nieder.

Am 60. Geburtstag
 

Zürich bot Gymnasium und Konservatorium für die noch in Ausbildung stehenden Kinder, bürgerliche Kultur, gediegene Ladengeschäfte, ein nahezu kurörtlich mildes Klima, reiche und reizende Natur - bot mit einem Wort, was München geboten hatte. Darum war es gegangen: um eine „Rückkehr ins Deutsche”, „ins Gewohnte”, um „Berichtigung und Wiederherstellung”. Diese äussere Imitierung der Münchener Daseinsform - Schreibtisch, Lesefauteuil, Grammophon waren glücklich wieder im Haus - wurde begünstigt durch das Wohlwollen, mit dem man Thomas Mann in der Schweiz behandelte. „Grösstes Entgegenkommen” etwa zeigte der Chef der Fremdenpolizei in Basel, Carl Ludwig, später als Verfasser des nach ihm benannten Berichts zur Flüchtlingspolitik bekannt geworden. Ein anderer Gutgesinnter, der NZZ-Musikkritiker Willi Schuh, verteidigte Thomas Mann sechsspaltig gegen dessen Diffamierung in München wegen seines Wagner-Vortrags.
Richard Wagner, der seinerseits sogar steckbrieflich verfolgte Dresdener Flüchtling, hielt ein Lebensmuster bereit. Zweimal besuchte Mann Wagners Haus in Tribschen bei Luzern. „Elemente der Furchtbarkeit und des Hitlertums” blieben ihm dabei nicht verborgen. Anderseits sahen Wagners Exiljahre von 1866-72 „eine gewaltige Werk-Bewältigung”. Wie für Wagner war auch für Thomas Mann nicht die Schweiz „sein Elend und Herzeleid, sondern Deutschland war es”. Die Auseinandersetzung mit der Schweiz war Teil der Auseinandersetzung mit Deutschland, die Schweiz, das war Nichtdeutschland und Gegendeutschland. Sie war klein, anständig-bieder, demokratisch und mehrsprachig. Andererseits gehörte sie zur Idee eines supranationalen Deutschtums, eines „Deutschtums ausserhalb des Reiches”, war ein „ausserordentliches Stück Deutschland”. Was Thomas Mann am 22.10.1934 in einem eilig geschriebenen Gruss an die Schweiz über den Schweizer Rundfunk verbreitete, stand im Zeichen einer egozentrischen Suche nach dem verlorenen Deutschland. Thomas Mann ging es darum, das Deutsche als Kultur von Deutschland als politischer Realität abzuheben. Die Schweiz - einbezogen war nur die Deutschschweiz - wurde berufen, Deutschlands „eigentlichen Charakter” zu retten.
Noch am dritten Weihnachtsabend, den Thomas Mann im Exil verbrachte, schrieb er dieses Wort in Anführungszeichen. Die Tatsache, ein Emigrant, oder mit Brecht zu reden, ein Vertriebener und Verbannter geworden zu sein, sah er als „schwere[n] Stil- und Schicksalsfehler meines Lebens”. Zum Versuch, ihn wegzudenken, gehörte die Weigerung zur schnellen Solidarisierung mit anderen Emigranten. Das Schweigen war auch ein „Vorsichtsschweigen”. Sein Musteremigrantentum, das das Gastland weder materiell noch durch politische Initiative belastete, wahrte Thomas Mann auch, als er am 11.11.1934 vor der Europa-Union in Basel erstmals im Exil als öffentlicher Redner auftrat. Die Schweiz wurde in dieser heikel pazifistischen Rede als europäischer Modelfall angesprochen. Seine rednerische Zurückhaltung mochte den Behörden gefallen und dem jüdischen S. Fischer-Verlag; für weite Kreise war sie verwirrend. War der Mann, dessen Bücher immer noch in Deutschland erschienen, etwa nur ein Taktierer und Opportunist? Selbst Sigmund Freud sah sich veranlasst, seinem Glückwunsch zum sechzigsten Geburtstag die Mahnung anzuschliessen, „Sie würden nie etwas thun oder sagen [...], was feige und niedrig ist, Sie werden auch in Zeiten und Lagen, die das Urteil verwirren, selbst den rechten Weg gehen und ihn Anderen weisen”. Die Feier zu diesem Geburtstag, bereitet am 26.5.1935 vom Lesezirkel Hottingen, brachte Aufschluss. Nicht durch Thomas Manns Dankeswort, das die Ideen des Grusses an die Schweiz repetierte. Symbolwert erlangte der Anlass als solcher: In diesen wenig erfreulichen Zeiten eine glänzende Feier vor tausendköpfigem Publikum zu veranstalten, mit Vivaldi-Konzert und städtischer Festgabe, das nahm man als politische Manifestation. Thomas Mann war nun die Galionsfigur der Exilbewegung, der „Hüter der deutschen Geistigkeit”.

Lesung im Schauspielhaus 1938
 

Die definitive Absage an das Nazi-Regime erfolgte in zwei Teilen. Zunächst durch den Offenen Brief an Eduard Korrodi, abgedruckt in der NZZ vom 3.2.1936. In ihm wies Thomas Mann Korrodis ständige Anwürfe gegen die Emigranten - ausgewandert etwa sei doch nur die „Romanindustrie” - erstmals entschieden zurück und schloss, für seine Verhältnisse kühn, mit dem Dichter August von Platen: „Die tiefe, von tausend menschlichen, moralischen und ästhetischen Einzelbeobachtungen und Eindrücken täglich gestützte und genährte Überzeugung, dass aus der gegenwärtigen deutschen Herrschaft nichts Gutes kommen kann, für Deutschland nicht und für die Welt nicht, - diese Überzeugung hat mich das Land meiden lassen, in dessen geistiger Überlieferung ich tiefer wurzele als diejenigen, die seit drei Jahren schwanken, ob sie es wagen sollen, mir vor aller Welt mein Deutschtum abzusprechen. Und bis zum Grunde meines Gewissens bin ich dessen sicher, dass ich vor Mit- und Nachwelt recht getan, mich zu denen zu stellen, für welche die Worte eines wahrhaft adeligen deutschen Dichters gelten:
Doch wer aus voller Seele hasst das Schlechte,
Auch aus der Heimat wird es ihn verjagen,
Wenn dort verehrt es wird vom Volk der Knechte.
Weit klüger ist's dem Vaterland entsagen,
Als unter einem kindischen Geschlechte
Das Joch des blinden Pöbelhasses tragen.”
Die endgültige Ablösung von Deutschland erfolgte dann im Brief an den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn, die ihm das Ehrendoktorat entzogen hatte. (Als Briefwechsel mit Bonn weltberühmt geworden.) Für verlustig erklärt wurde er am 2.12.1936 auch der deutschen Staatsangehörigkeit. Ersatz dafür war nicht etwa die schweizerische, sondern die tschechische. Thomas Mann hatte zwar schon Anfang 1934 gehofft, Schweizer zu werden, wenn möglich „im abgekürzten Verfahren”. Noch im Sommer 1936 hielt er den Erwerb der Schweizer Staatsbürgerschaft für „das Richtigste”. Es kam anders: Vor dem tschechischen Konsul in Zürich legte Thomas Mann am 19.11.1936 den Eid für die Einbürgerung ab.
Mir ist als müsst' ich auch von hier
Den Stab noch in die Weite setzen;
Als würden auch aus Tells Revier
Die Launen dieses Spiels mich hetzen!
Die Verse Freiligraths, die René Schickele ihm als Neujahrsgruss geschickt hatte, fand Thomas Mann „hübsch gewählt”. Dass er noch einmal vertrieben, dass das Exilland ein Durchgangsland werden könnte, das schloss er von Anfang an nicht aus. Schon im Sommer 1934 bedachte er „die Gefahren einer europäischen Explosion” und sah die Schweiz, als was sie Max Frisch in seiner Büchner-Preis-Rede 1958 bezeichnen würde: als „Mausefalle”. Dies geschah im Anschluss an seine Reise in die USA, wo er auf unerwartet hohe Resonanz gestossen war. Ein Jahr darauf wurde er Harvard-Ehrendoktor und anlässlich einer triumphalen Tournee von Präsident Roosevelt empfangen.
Die Möglichkeit amerikanischer Staatsbürger zu werden, scheint Thomas Mann aber erst 1937 näher geprüft zu haben. Am 17. 2. 1938 kam es zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich - und wieder befand sich Mann „im Ausland", diesmal auf seiner vierten USA-Reise. Wiederum war Konsternation die Folge. Erst jetzt fiel der Entscheid für Amerika, und er fiel nicht ohne wiederholte „Zweifel an der Richtigkeit unseres Tuns. Wäre uns nicht, trotz dem drohenden Kriege, an den ich nicht glaube, wohler in Küsnacht?” Nach langem Hin und Her reisten Thomas und Katia Mann selbst nochmals in die Schweiz. Hier kam ihm „alles etwas wie im Traum” vor. Die politische Haltung war „von der wohltuendsten Entschlossenheit”, die „Schweizer Menschenrasse” schien Thomas Mann „die mir sympathischste der Welt”. Am 13. September 1938 gab er im Schauspielhaus Zürich eine Abschiedsvorlesung. Erst jetzt, sagte er, „werde ich recht gewahr, wie sehr doch dieses Jahrfünft, in das ja auch mein rührend freundlich begangener sechzigster fiel, mich dem Schweizer Leben, schweizerischer Landschaft, schweizerischer Menschlichkeit verbunden hat.”

Insgesamt lässt sich weder die Ansicht aufrechterhalten, Mann habe von vornherein an das Überleben der Schweiz geglaubt, noch jene, er habe ein als unfehlbar sinkend erkanntes Schiff mit kaltem Kalkül verlassen. Die erste Rückkehr erfolgte schon im August 1939. Thomas Mann besuchte, bewegt und erschüttert, das aufgegebene Küsnachter Haus und, bevor er ein zweites Mal Abschied nahm, auch mehrmals die schweizerische Landesausstellung. Sie hinterliess bei ihm den „Eindruck rührender Selbstverherrlichung, berechtigt, gewinnend, notwendig”.

Amerika wurde weit mehr als ein „Schicksals- und Notheim”. Aber er vermochte nie ganz, das Heimweh nach der Schweiz zu unterdrücken, von dem Tagebuchnotate, Briefe und auch öffentliche Äusserungen sprechen. Unter dem 20.3.1940 erwähnt Thomas Mann, dass er „in Küsnachter Tagebüchern gelesen” habe. Die Schweiz lag nicht einfach im Streubereich des Blickes nach Deutschland. Wenn Thomas Mann den Gang der Kriegsentwicklung verfolgte, dann im vollen Bewusstsein, dass der Ausgang des Kriegs „auch über das Schicksal der Schweiz entscheiden wird”.
Ihr internes Leben behielt er „mit einem gewissen Zugehörigkeitsgefühl” im Auge. Die Pfade hin und her verwuchsen nicht, Schweizer besuchten ihn: Freunde, Verehrer, Diplomaten, Journalisten. Der Briefkontakt mit der Schweiz riss nie ab. Vor allem aber erschienen Thomas Manns literarische Werke weiterhin in der Schweiz. Das Schweizer Publikum war das einzige ihm verbliebene deutscher Sprache, und auf sein Echo, den Absatz und die Rezensionen, war er stets überaus gespannt. Wie hoch er unter den gegebenen Umständen dieses Publikum schätzte, mag aus dem Diktum hervorgehen, dass er die zehntausend Leser der deutschen Ausgabe von Lotte in Weimar als für möglicherweise mehr wert halte, „als die hunderttausend, die unter der Republik der Zauberberg hatte”. Auch der vierte Joseph-Band und Das Gesetz brachten Erfolg und mehrheitlich eine gute Presse. Am besten aber zog die Kritik beim Doktor Faustus mit. Die Goldmedaille bekam Max Rychner: „der bestschreibende aller Eidgenossen”.
Thomas Mann war „der literarischen Schweiz - aber das ist die Schweiz überhaupt - ungeheuer dankbar” für die nach seiner Ansicht exemplarische Aufnahme: Sie erneuerte und vertiefte die Heimatgefühle, die er für das Land hegte.

Im Frühjahr 1947 kam Thomas Mann erstmals wieder in die Schweiz. Es war ganz wie früher: Thomas Mann las im Zürcher Schauspielhaus und anderswo aus dem eben entstehenden Werk. Im Wesentlichen unverändert geblieben war auch seine Sicht der kulturellen und politischen Schweiz. Sie wurde weiterhin als föderatives Muster eines zukünftigen Europa proklamiert. Ihr „geschonter und wohlerhaltener Zustand" vor dem Hintergrund ubiquitärer Zerstörung hatte für Thomas Mann „geradezu etwas Märchenhaftes und Unglaubwürdiges”, und er verkannte nicht die Ambivalenz dieser Einzigartigkeit: „wie in der Antike der allzuglückliche Mensch den Neid und die Rache der Götter fürchtete, so mag heute mancher Schweizer [...] den ungeheuer bevorzugten Zustand seines Landes als eine fast bedrückende Schuld an das Schicksal Empfinden”. Kein Zweifel, dass Thomas Mann sich mit der Schweiz hierin identifizierte („wir haben überlebt, die Schweiz und ich”), dass die protestantische Felix-Natur auch von eigener Schuld sprach.

Wie den sechzigsten, feierte Thomas Mann 1950 auch den fünfundsiebzigsten Geburtstag in Zürich. Eine Rücksiedlung in die Schweiz wurde erstmals 1949 erwogen. Die endgültige Niederlassung in der Schweiz 1952 kennt folgende Hauptgründe:
1. Nach langen Exiljahren verstärkte sich Thomas Manns Wunsch, wieder in deutscher Sprachsphäre zu leben. Der angelsächsischen Kultur, der englischen Sprache hatte er sich nie über eine bestimmte Grenze hinaus zu nähern vermocht. In der eigenen, eigentlichen, in der deutschen Sprachsphäre sein Leben zu beschliessen, gehörte zum Versuch der Rundung und Berichtigung seiner Existenz.
2. Thomas Mann wollte sein Grab in der Schweiz haben. Diese Idee geht wohl schon auf die Bestattung Stefan Georges in Schweizer Boden zurück. Dem positiven Impuls, in der Schweiz begraben zu werden, verband sich der negative, damit nicht in Amerika begraben werden zu können, was Thomas Mann als eine Desavouierung seines immer klarer hervortretenden Europäertums empfunden hätte. „Oft sage ich, dass ich wieder in der Schweiz leben möchte. Das Eigentliche ist, dass ich dort sterben möchte und nicht hier”, schrieb er schon 1941. Die Bestimmung der Schweiz als „Sterbeland deutscher Dichter” kehrte 1951/52 unabweislich wieder. Thomas Mann sprach nun von einem „irrationalen und fast ängstlichen Zug und Drang zurück zur alten Erde, deren Sohn ich bin”.
3. Die politische Atmosphäre hatte sich in den USA nach dem Tod Roosevelts gründlich gewandelt. Es war nicht mehr Thomas Manns Amerika. Senator Mc Carthys Jagd auf Kommunisten schien ihm hysterisch, verschüchternd und rechtswidrig, die Verfolgung jedes Nonkonformismus' unerträglich, der überschnappende Chauvinismus lächerlich und kriegsgefährlich. Auf der anderen Seite kamen ihm die Schweizer Behörden entgegen, bemühten sich Bundes-, National und Regierungsräte persönlich um ihn und gaben in gesitteten Briefen erfreuliche Auskunft. Zwar wusste Thomas Mann, dass die Schweiz proamerikanisch war und seine Degoutiertheit weder teilte noch verstand. Aber mochte sie auch „so amerikafromm sein, wie sogar einzelne Amerikaner es nicht sind, so ist mir doch, als käme allgemein die europäische Mentalität der hiesigen an barbarischem Infantilismus nicht gleich”.