Die Korrespondenz Thomas Manns bietet nicht nur Einblick in private Zusammenhänge, sie beinhaltet gleichzeitig ein zeitgeschichtliches Panorama, das sich von 1889 bis ins Todesjahr 1955 erstreckt. Heute sind ungefähr 25'000 Briefe Thomas Manns bekannt. Die Große kommentierte Frankfurter Ausgabe wird mit ca. 4000 Briefen, die teilweise zum ersten Mal publiziert werden, eine repräsentative Auswahlausgabe schaffen. Die Briefausgabe wird von Thomas Sprecher, Hans Rudolf Vaget und Cornelia Bernini herausgegeben.
Editionsplan
Die Briefedition ist Teil der Grossen kommentierten Frankfurter Ausgabe der Werke, Briefe und Tagebücher Thomas Manns (GKFA). Sie erscheint in acht Bänden, die in die folgenden Zeitabschnitte eingeteilt sind:
Bei den ersten beiden bereits erschienenen Bänden sind Text und Kommentar jeweils in einem Band enthalten. Jeder Band ist folgendermassen unterteilt:
Aufgrund des steigenden Umfangs werden vom dritten Briefband an Text und Kommentar auf zwei Bände aufgeteilt. Die Bände sollen im Rhythmus von drei Jahren erscheinen.
Forschungsstand
Eine dem neuesten Stand der Forschung entsprechende kommentierte Ausgabe der Briefe Thomas Manns ist ein seit langem formuliertes Desiderat. Die von Erika Mann in den Jahren 1961 bis 1965 herausgegebene Auswahl von Briefen Thomas Manns in drei Bänden ist unzuverlässig und wissenschaftlich nicht vertretbar. Unser Wissensstand zu Thomas Mann ist heute weit höher und gesicherter, als er es zur Zeit jener ersten Briefedition war. Seriös kommentierte Briefausgaben gibt es derzeit lediglich von einzelnen Briefwechseln, wie z.B. mit Heinrich Mann, Hermann Hesse, Agnes E. Meyer und Theodor W. Adorno. Eine beträchtliche Hilfe bei der Editionsarbeit ist das fünfbändige Verzeichnis Die Briefe Thomas Manns. Regesten und Register (Frankfurt/Main: S. Fischer 1976-1987).
Auswahl der Briefe
Aus dem grossen Korpus der überlieferten Briefe Thomas Manns wurde zuerst eine repräsentative Auswahl an Briefen getroffen. Als Grundlage für diese Auswahl diente das Verzeichnis Die Briefe Thomas Manns. Regesten und Register. Seit dem Abschluss dieser Regest-Ausgabe vor mehr als 20 Jahren sind jedoch zahlreiche weitere Briefe neu hinzugekommen. Das TMA wird entweder von privaten Besitzern auf die Briefe aufmerksam gemacht oder die Briefe werden in Auktions- und Antiquariatskatalogen zum Kauf angeboten. Das Auffinden von weltweit verstreuten Thomas-Mann-Briefen wird ständig fortgeführt und war in den vergangenen Jahren äusserst erfolgreich. Zahlreiche Einzelbriefe und einige grössere Briefsammlungen konnten eruiert werden. Sämtliche neu hinzugekommenen Briefe werden laufend durchgesehen und für eine eventuelle Aufnahme in die Briefedition überprüft. Die meisten dieser unbekannten Briefe werden in der Briefausgabe zum ersten Mal abgedruckt.
Die Briefe werden nach bestimmten, klar definierten Kriterien ausgewählt. Für die Aufnahme ist zunächst die werk-, lebens- und zeitgeschichtliche Bedeutung der Briefe ausschlaggebend. Sodann werden Briefe mit substanziellen Äusserungen über Mitglieder des Familienkreises berücksichtigt. Das Prinzip der repräsentativen Auswahl ist besonders auf einige umfangreiche Briefkonvolute anzuwenden. Bei solchen Briefwechseln (mit Heinrich Mann, Samuel Fischer, Hermann Hesse, u.a.) werden somit vorwiegend die bedeutenden Schreiben aufgenommen. Grundsätzlich ausgeschlossen werden Brief-Fragmente, gleichlautende Briefe, d.h. Dubletten, sowie Offene Briefe und Briefartikel, die in die Essay-Bände der GKFA aufgenommen werden.
Grundsätzlich werden sämtliche Briefe Thomas Manns für die Edition herangezogen. Viele der nicht aufgenommenen Briefe werden in den Anmerkungen zu den in die Auswahl aufgenommenen Briefen zitiert oder paraphrasiert. Generell ist mehr als die Hälfte von Thomas Manns Korrespondenz bisher nicht oder nur in schwer zugänglichen Publikationen veröffentlicht.
Druckvorlage / Textkonstitution
Die Briefe Thomas Manns sind grösstenteils von Hand und in deutscher Schrift geschrieben. Sie werden deshalb zuerst transkribiert, d.h. in die lateinische Schrift übersetzt und abgetippt. Alle Briefe der Edition werden sodann an den Originalen, an Kopien oder an den zuverlässigsten, greifbaren Textzeugen überprüft. Falschlesungen in bereits gedruckten Briefen werden korrigiert. Die wichtigsten Neulesungen werden im Anhang des betreffenden Bandes aufgeführt.
Alle Briefe werden ungekürzt wiedergegeben. Der Wortlaut der abgedruckten Briefe entspricht wort- und zeichengetreu der Vorlage. Orthographische, grammatikalische und syntaktische Unregelmässigkeiten und Eigenheiten Thomas Mann sowie veraltete Schreibweisen werden beibehalten. Offensichtliche Schreibfehler werden entweder im Text stehen gelassen und im Kommentar mit „So in der Hs.” vermerkt oder im Text korrigiert und dann im Kommentar in der handschriftlichen Schreibweise wiedergegeben.
Selbstkorrekturen und nachträgliche Einschübe Thomas Manns werden im Kommentar aufgeführt.
Kommentar
Der Kommentar jedes einzelnen Briefes wird mit einem sogenannten Header überschrieben. Darin wird Auskunft gegeben über die Überlieferung des Briefes, die Druckvorlage und einen allfälligen Erstdruck sowie weitere Drucke.
Für die Kommentierung werden zuerst die zu kommentierenden Briefstellen bestimmt. Im Kommentar werden die Briefpartner bei Gelegenheit des ersten an sie gerichteten Briefes vorgestellt. Die biografischen Angaben über die Briefempfänger und die in den Briefen erwähnten Personen umfassen vor allem den in Frage stehenden Zeitabschnitt. Bei unbekannten Personen werden die biografischen Daten eruiert. Darüber hinaus wird jeweils die Beziehung zwischen Thomas Mann und dem Briefpartner detailliert aufgezeigt. Dafür werden sämtliche Texte Thomas Manns auf Äusserungen zum Briefpartner durchgesehen.
Das TMA verwahrt eine umfangreiche Sammlung von Briefen an Thomas Mann. Diese grosse Sammlung wird systematisch auf Gegenbriefe und auf wichtige Informationen geprüft. Zur Erhellung der aufgenommenen Thomas-Mann-Briefe werden die entsprechenden Gegenbriefe vollständig oder auszugsweise zitiert.
Sämtliche Artikel, Bücher und Rezensionen, auf die Thomas Mann Bezug nimmt, werden erwähnt, beschrieben und vollständig oder auszugsweise zitiert. Diese älteren, oft an entlegener Stelle erschienenen Publikationen werden eruiert. Das TMA besitzt eine umfangreiche, teilweise noch von Thomas Mann angelegte, chronologische Zeitungsartikelsammlung. Auch dieser sehr wertvolle Bestand wird für die Kommentierung systematisch auf relevante Artikel durchgesehen.
Der Kommentar gibt detaillierte Sacherläuterungen und vernetzt private, geschichtliche und werkbezogene Sachverhalte. Mit der neu entstehenden Briefedition wird so eine für die Forschung verbindliche Ausgabe der Briefe Thomas Manns geschaffen.